Digitalisierung und Hochschulentwicklung

[Aus dem Editorial] Seit über 25 Jahren beschäftigen sich die Tagungen der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. (GMW) mit den Möglichkeiten der Medien für das Lehren und Lernen, für die Wissenskommunikation über Medien in Hochschulen und für die Öffentlichkeit. Die aktuelle Diskussion über die Digitalisierung von Hochschule rückt den Blick auf die Veränderungsprozesse der Hochschule als Ganzes: Die digitalen Medien beziehen sich nicht nur auf einzelne Elemente in der Lehre und die Verbesserung des Lernprozesses, sondern sie beinhalten eine Herausforderung, die alle Teilfunktionen von Hochschule in ihrer Gesamtheit betreffen.

Die Hochschulen sind gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Lehrende und Lernende digitale Medien nutzen und gestalten können. Dies betrifft die Verfügbarkeit von zentraler und dezentraler technischer Infrastruktur, genauso wie Services und Unterstützungssysteme, Beratung und andere Dienstleistungen. Doch der Wandel ist noch tiefgreifender, wenn wir auf die strukturellen und prozessualen Implikationen schauen, wie sich Forschen und Lehren ebenso wie das Verwalten und Managen von Hochschule durch die Digitalisierung verändert.

Forschung vollzieht sich in allen Disziplinen mit digitalen Werkzeugen und in einer globalen Welt der Wissenschaftskommunikation wesentlich anders als frü- her. Das hat Implikationen für das Lehren. Mit digitalen Lehrangeboten kön- nen organisationale Grenzen der Hochschule aufgeweicht werden, neue Formen der Ansprache von Öffentlichkeit in der Wissenskommunikation, der hochschul- übergreifenden, auch internationalen Kooperation und des lebenslangen Lernens etabliert werden. Durch die Anbieter digitaler Contents und Tools wächst die Bedeutung neuer Akteure, deren Rolle für die Hochschulentwicklung erst sche- menhaft erkennbar wird.

Die Friktionen, denen Hochschule im Zeichen der Digitalisierung ausge- setzt ist, sind weltweit spürbar: Der Druck auf die traditionelle „Idee von Universität“ als einem unabhängigen und freien Ort von Erkenntnis und Ver- ständigung nimmt zu. Ökonomische Verwertungsinteressen auf der einen Seite und die Inanspruchnahme von Hochschule durch verschiedenartige politi- sche Interessen auf der anderen Seite sind deutlich präsenter als früher. Ob Hochschule ihre traditionelle Idee im Zeitalter der Digitalisierung forttragen und unter neuen Rahmenbedingungen wiederfinden kann, bedarf des Ringens über die Ausgestaltung von Hochschule, die in allen ihren Funktionen von der Digitalisierung in besonderer Weise betroffen ist.

Die Tagung möchte einen Beitrag zu dieser Diskussion leisten, indem sie Fragen nach den Implikationen der Digitalisierung für die Hochschulentwicklung stellt. In den verschiedenen Foren und Sessions werden aktuelle Vorhaben an den Hochschulen in Studium und Lehre vorgestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Hochschulentwicklung diskutiert. Ein weiterer Fokus liegt auf strategischen Zielsetzungen und Maßnahmen, die Hochschulen entwickelt haben oder entwickeln, um eine (Neu-)Positionierung im digitalen Zeitalter zu finden. In den „Case-Sessions“ werden Hochschulen als Fälle betrachtet und ihre Antworten auf die genannten Herausforderungen – unter den jeweils unterschiedlichen Rahmenbedingungen – diskutiert. Wichtig erscheint auch eine Betrachtung der hochschulübergreifenden Entwicklungen und wie die Infrastruktur für die Bereitstellung von digitalen Bildungsressourcen – neben der digitalen Forschungsinfrastruktur – entwickelt werden kann. Dabei steht die Frage im Raum, inwieweit diese Infrastruktur nachhaltig zur Öffnung des Zugangs zu Bildungsressourcen resp. Bildung beitragen kann.

Digitalisierung und Hochschulentwicklung Proceedings zur 26. Tagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. Book Cover Digitalisierung und Hochschulentwicklung Proceedings zur 26. Tagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V.
Medien in der Wissenschaft, Band 74
Waxmann
September 2018
Buch
293
https://learninglab.uni-due.de/sites/default/files/9783830988687-openaccess.pdf
Barbara Getto, Patrick Hintze, Michael Kerres
ISBN 978-3-8309-3868-2

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