Ein Stifterverband für die Schweiz?

Was könnte ein Schweizer Stifterverband für die Wissenschaft leisten?

Anfang Oktober 2015 feierte der Schweizerische Wissenschafts- und Innovationsrat SWIR sein 50jähriges Bestehen. Gegründet durch Beschluss des Bundesrates am 23. März 1965 hat der SWIR heute einen festen Platz in der Bildungslandschaft der Schweiz. In den letzten Jahren veröffentlichte er zahlreiche Analysepapiere mit Empfehlungen an die verschiedenen Akteure der wissenschaftspolitischen Szene.

In seiner Schrift vom Spätsommer 2015 mit dem herausforderungsreichen Titel «Akteurskonstellationen im Schweizer Bildungs-, Forschungs- und Innovationssystem» findet sich eine Empfehlung, die sich von den bisherigen in ihrem strukturbildenden Potenzial abhebt, aber in der bisherigen Debatte – wenn dies denn der richtige Begriff ist – lediglich am Rande aufgegriffen wurde. Zu Unrecht, wie der Autor meint.

Eine neue Förderinstanz für freie kompetitive Grundlagenforschung?

Der SWIR – gerichtet an die privaten Stiftungen – empfiehlt, «einen Schweizerischen Stifterverband für die Schweizer Forschung zu gründen, dessen Aufgabe es ist, zur Absicherung der freien Grundlagenforschung gegenüber den wachsenden Verwertungsansprüchen der Politik und Gesellschaft die kompetitive Forschungsförderung auf eine breitere Basis zu stellen.»

Hintergrund davon ist die in derselben Publikation erläuterte Beobachtung, dass die private Forschungsförderung bei der freien Grundlagenforschung wenig präsent ist und diese vorwiegend durch den Schweizerischen Nationalfonds alimentiert wird. Darin erkennt der SWIR eine Gefahr und eine ungenügend abgesicherte Nachhaltigkeit bei der kompetitiven Forschungsförderung. Er erachtet die Quasi-Monopolstellung des SNF als finanziell und politisch riskant und meint, zunehmende Verwertungsansprüche an die Forschung und überladene Ansprüche an den SNF zu erkennen.

Dieser Sicht dürfte schwierig zu widersprechen sein; und ein komplementär zu den etablierten Instanzen positionierter Schweizerischer Stifterverband könnte in der Tat einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung des Wissenschaftsplatzes Schweiz leisten.

Vorbild «Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft»?

Der vom SWIR für den neuen forschungspolitischen Akteur vorgeschlagene Name lässt mit Blick auf das wohl Pate stehende Vorbild aus Deutschland noch weitere Themen anklingen. Es lohnt sich daher, sich den «Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft» mit seinen Aktivitäten vor Augen zu führen.

Im deutschen Stifterverband, gegründet im Jahr 1920, sind mehr als 3000 Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen zusammengeschlossen. Sein Fördervolumen beträgt pro Jahr 170 Mio. Euro. Seine Aktivitäten, die alle dem Ziel dienen, die «Bildung und Forschung in Deutschland nachhaltig zu verbessern und damit den Wohlstand der Gesellschaft zu sichern», sind in vier Bereiche gegliedert, nämlich in «Hochschulen & Wissenschaft», «Bildung & Talente», «Unternehmen & Innovation» sowie «Zivilgesellschaft & Stiftungen».

Die vom SWIR angesprochene Aktivität ist vor allem im ersten Bereich «Hochschulen & Wissenschaft» enthalten. Hier engagiert sich der deutsche Stifterverband, indem er Wettbewerbe und Förderprogramme für Hochschulen ausschreibt, an denen im Jahr 2012 mehr als Dreiviertel aller deutschen Hochschulen teilgenommen haben. Die Förderthemen sind vielfältig. Sie reichen von Massnahmen für den wissenschaftlichen Nachwuchs über Initiativen für Chancengleichheit, Studienqualität und Digitalisierung der Wissenschaft bis zur Auslobung von Preisen für exzellente Hochschullehre. Hinter allen Massnahmen stehen systematische Analysen und intensive Diskussionen mit allen Akteuren des Bildungs- und Wissenschaftssystems.

Für Deutschland kann konstatiert werden, dass der Stifterverband sowohl Diskussion als auch Entwicklung von Bildung und Wissenschaft in Deutschland aktiv mitprägt und gezielt unterstützt.

Im Rahmen der Entwicklung des Schweizer Stiftungswesens?

Der Vorschlag des SWIR scheint zudem durchaus kompatibel zu Vorschlägen, die von Beobachtern des Stiftungswesens in der Schweiz eingebracht werden.

Der Schweizer Stiftungsreport 2015 beziffert per Ende 2014 die Zahl der gemeinnützigen Stiftungen in der Schweiz auf mehr als 13’000. Daniel Müller-Jentsch, Projektleiter und Autor des AvenirSuisse-Impulspapiers «Schweizer Stiftungswesen im Aufbruch» von 2014, erachtet unter anderem die Fragmentierung der Stiftungslandschaft Schweiz als grosse Herausforderung. Dieser soll – so die Empfehlung – auch durch Kooperationen entgegengewirkt werden. Und im Vorwort zum Stiftungsreport weisen die Herausgeber darauf hin, dass gemäss Expertenmeinungen die Stiftungsszene noch Professionalisierungspotenzial hat.

Es darf vermutet werden, dass diese Situation der Etablierung eines Stifterverbandes für die Schweizer Wissenschaft förderlich ist.

Dimensionen eines Schweizer Stifterverbands

Ein Stifterverband für die Schweiz müsste auf die hiesigen Verhältnisse ausgerichtet sein und von den erfolgreichen Erfahrungen im Ausland lernen. Von allem Anfang an müsste er strukturell gut in die Bildungslandschaft Schweiz eingepasst sein und einen systematischen Dialog mit allen Akteuren pflegen.

Trotzdem sollte er seine Zielsetzungen eigenständig definieren und die erforderlichen Massnahmen durchaus auch einmal gegen die Kritik aus dem Wissenschaftsestablishment ergreifen. Nur so kann eine grössere Vielfalt der Kräfte und Meinungen in der Wissenschafts- und Innovationsförderung erreicht werden.

Sodann sollte er von vielen Stiftungen getragen und finanziell breit abgestützt sein. In seinen Leitungsgremien sollen namhafte Exponenten der Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft und der Kultur engagiert – nicht vertreten – sein. Ein solcherart positionierter Stiftungsverband dürfte attraktiv sein, sowohl für potenzielle Stifterinnen und Stifter als auch für die schweizerische Wissenschaft.

Noch ist die Gründung eines Schweizerischen Stifterverbandes erst eine Empfehlung des Wissenschafts- und Innovationsrates. Aber die Idee ist interessant und es darf ihr im Sinne eines nächsten wichtigen Schrittes eine intensive Diskussion gewünscht werden.

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