Humanitäre Hochschulen?

Wie Hochschulen Flüchtlingen helfen

Hochschulen, die sich einem humanitären Bildungsverständnis verpflichtet fühlen, engagieren sich auch für Flüchtlinge und fördern entsprechende Aktivitäten ihrer Angehörigen. Humanität ist eine grundlegende Werthaltung; aber wie lässt sie sich im Alltag einer Hochschule konkretisieren? Ein Arbeitsbericht aus den USA benennt Anhaltspunkte und ein europäisches Projekt verspricht realistische Vorschläge.

Flüchtlinge und Bildung

Die Prognosen der Vereinten Nationen (UNO) zum Ausmass gegenwärtiger und künftiger Flüchtlingswellen nennen die unglaubliche Zahl von annähernd 64 Millionen Menschen, die per Ende 2015 auf der Flucht oder akut gefährdet sind. In einem Bericht von 2004 schätzte das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge, dass sich im Zeitraum von 1993 bis 2003 die Dauer, während der sich eine Person im Flüchtlingsstatus befindet, von 9 auf 17 Jahre ausgedehnt hat. Und während dieser Zeit bleiben diesen Personen namentlich auch Bildungschancen verschlossen. Bildung ist aber sowohl für eine Integration als auch für eine Rückkehr und eine Beteiligung am Wiederaufbau eines kriegsversehrten Landes ausgesprochen wichtig.

Aktivitäten in Europa

Viele Hochschulen und hochschulpolitische Gremien haben angesichts der vielen Flüchtlinge, die namentlich seit dem Jahr 2011 vor dem Krieg in Syrien in westliche Staaten fliehen, ihre Positionen zum Thema «Flüchtlinge und Hochschulen» aktualisiert sowie konkrete Massnahmen zugunsten von Flüchtlingen und Asylsuchenden definiert und umgesetzt.

Die European University Association EUA kartiert die Aktivitäten der europäischen Hochschulen (Refugees Welcome Map), darunter auch Massnahmen einer Mehrheit der Hochschulen in der Schweiz.

Zudem werden im inHERE-Projekt (Higher Education Supporting Refugees in Europe) Grundlagen und Beispiele guter Praxis erarbeitet. Die Ergebnisse sollen ab Mitte 2017, spätestens aber per Ende 2018 verfügbar sein.

Anregungen aus den USA

Eine anregende Auseinandersetzung mit der Thematik bietet derweil schon heute der Kurzbericht Supporting Displaced and Refugees Students in Higher Education: Principles and Best Practices, den das us-amerikanische Institute of International Education IIE im August 2016 veröffentlicht hat.

Darin sind Grundsätze und Beispiele guter Praxis dokumentiert, wie amerikanische Hochschulen den Herausforderungen, denen sich Personen auf der Flucht gegenüber sehen, begegnen (S. 11–13):

  • Fehlende Dokumente und Zeugnisse
  • Fehlender Zugang zu Information
  • Unterrichtssprache
  • Diskriminierung
  • Finanzen

Grundsätze

An fünf Prinzipien soll sich – so die Autor/innen des IIE-Berichts – der künftige Dialog über die Rolle der Hochschulbildung bei der Hilfe für Flüchtlinge und Asylsuchende orientieren (ibd. S. 15–16):

  • Bestätigung des Rechts auf Bildung. Aus diesem leitet sich auch für die Hochschulen die Verantwortung ab, den entsprechend qualifizierten Personen in angemessener Art und Weise Unterstützung mit Blick auf Zugang und Teilhabe an höherer Bildung zu bieten.
  • Anerkennung der herausragenden Bedeutung von Bildung für junge Menschen, die von Krieg und Krisen betroffen sind, dies sowohl mit Blick auf Menschenwürde, Demokratie und Wertepluralität als auch auf nachhaltigen Frieden.
  • Gemeinsame Verantwortung für Schutz und Unterstützung von benachteiligten Personen, insbesondere durch Förderung des Zugangs zu Höherer Bildung für Menschen, die aufgrund von Religion, Ethnie oder Sprache diskriminiert oder verfolgt werden.
  • Unterstützung von Flüchtlingen und Asylsuchenden bei der Rückkehr und dem Aufbau in ihrer Heimat, wie auch von Personen, die nicht zurückkehren können, bei der Integration in die Gesellschaft des aufnehmenden Landes.
  • Gezieltes Eingehen von Partnerschaften mit Hochschulen in Ländern in oder nahe bei Konflikt- und Krisengebieten, um mittels Bildungsangeboten und Sicherstellung von akademischer Freiheit die Möglichkeiten für Höhere Bildung vor Ort zu stärken und zu erweitern.

Beispiele guter Praxis

Vier Institutionen stellen Beispiele aus dem praktischen Alltag vor. Sie orientieren sich dabei an bereits vorhandenen Prozessen und ihren verfügbaren Möglichkeiten. Bereits die Aufnahme von 5–20 Studierenden pro Hochschule kann einen bedeutenden Beitrag leisten.

Eine wichtige Basis sind die bestehenden Prozesse und Angebote der Abteilungen für Internationale Beziehungen und Mobilität.  Diese müssen meistens lediglich besser auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge und Asylsuchenden ausgerichtet werden, ohne dass dabei die Qualitätsstandards sinken.

Auch Hochschulangehörige, die aus den Krisengebieten stammen oder die durch Forschungsprojekte und -kooperationen Erfahrungen über die Verhältnisse in diesen Gesellschaften verfügen, können relativ einfach zur Unterstützung beispielsweise als Mentor/innen für die eintreffenden Flüchtlinge beigezogen werden.

Auch sollten sich die Hochschulen überlegen, ob sie besser nur für eine Untergruppe der Flüchtlinge geeignete Angebote machen, oder pauschal für alle. Je nach fachlicher Ausrichtung oder Finanzierungsart kann beispielsweise eine Fokussierung auf eine bestimmte Studienstufe sinnvoll sein.

Für eine zielgerichtete Umsetzung ist auch klare Kommunikation der Zielsetzungen und der Profile der Unterstützung erforderlich. So können aus der relativ breit definierten Gruppe von Flüchtlingen jene Personen präziser angesprochen werden, welche von den Angeboten der Hochschulen im einzelnen profitieren können.

Für die Zulassung zum Studium fehlen den Flüchtlingen oder Asylsuchenden häufig die erforderlichen Abschlussdokumente und Äquivalenzbescheinigungen. Hochschulangehörige, welche das Bildungssystem des Herkunftslandes gut kennen, können mit wichtigen Informationen helfen. Auch sollte im Zweifelsfall für die Bewerberin bzw. den Bewerber entschieden, d.h. ihr oder ihm eine Chance gegeben werden. Nicht alle Bewerberinnen und Bewerber haben stabilen Zugang zum Internet. Für diese sollte es auch möglich sein, ein manuell ausgefülltes Formular einzureichen, auf welchem möglicherweise auch einige Fragen unklar beantwortet sein dürfen. Bei der Zulassung kann der Fakt, dass Dokumente fehlen, möglicherweise auch gemildert werden durch eine Einschätzung des potenziellen Studienerfolgs.

Für eine gute Unterstützung der einzelnen Person auf dem Campus ist die Zusammenarbeit zwischen den administrativen Stellen campusweit und über den Campus hinaus wichtig. Dadurch erlangt der einzelne Fall eine gewisse Öffentlichkeit, was möglicherweise problematisch für die betroffene Person ist. Es gilt sorgfältig abzuwägen zwischen einerseits der Erfordernis, die individuelle Situation bekannt zu machen, um Unterstützung zu erhalten, und andererseits dem Recht auf Privatsphäre und Diskretion der oder des Betroffenen.

Begleitende Kommunikation ist wichtig, das Sichtbarmachen von Erreichtem und Erfolg ebenso. Dies kann im Rahmen von besonderen Anlässen, durch Berichte in den Publikationen der Hochschule oder auch durch persönliche Erlebnisberichte erfolgen.

Besonders, aber nicht speziell

Bei aller Aufmerksamkeit, welche die besondere Situation von flüchtenden oder asylsuchenden Studierenden erfordert, gilt es sich bewusst zu sein, dass diese Studierenden diesen zusätzlichen Aufwand nicht benötigen, weil sie weniger befähigt wären zum Studium, sondern weil ihre aktuellen Lebensumstände dies bedingen. In diesem Sinn sind sie nicht mehr unterstützungsbedürftig als andere internationale Studierende.

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