Hochschulzugang: Eine neu lancierte bildungspolitische Diskussion?

Ende August, Anfang September 2015 wurden in mehreren Medienberichten Studienergebnisse zur öffentlichen Meinung betreffend Hochschulzulassung und angemessene Grösse der so genannten Akademiker/innen-Quote präsentiert. Es scheint fast, als käme eine neue bildungspolitische Diskussion in Gang. Aber wird auch über das Wesentliche diskutiert?

Die Themen in den Medien

  • Die NZZ am Sonntag berichtete am 30. August 2015 über eine allgemeine bildungspolitische Umfrage unter der Leitung von Professor Stefan Wolter, in welcher 6’000 Personen zu ihrer Meinung gegenüber einem allgemeinen Numerus clausus befragt wurden.
  • Am 1. September 2015 berichtete der SPIEGEL online über die Ergebnisse einer Umfrage des «ifo – Zentrum für Bildungsökonomik», darunter auch zum Aspekt Zentralabitur in Deutschland.
  • Am 2. September 2015 informierte die NZZ über weitere Aspekte der «Studie Wolter», namentlich über die Einstellungen zu den (optimalen) Quoten betreffend Matura sowie betreffend Akademikerinnen und Akademiker; ebenfalls interessierte sich der Artikel für die eingeholten Meinungen zu einer allfälligen zentralen Maturaprüfung in der Schweiz.

Numerus clausus

In der Schweiz ist an den Universitäten nur für das Medizinstudium eine Zulassungsprüfung im Sinne eines Numerus clausus etabliert. Die Ausweitung solcher Zugangsmechanismen auf andere Fachrichtungen ist an keiner Universität vorgesehen.

  • Fast 44% der Befragten der Studie Wolter sind der Meinung, dass in der Schweiz auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften ein Numerus clausus eingführt werden soll (nach NZZ am Sonntag, 30.8.2015).

Zentrale Prüfungen für die Matura

Wie unterschiedlich sind die Beurteilungsmassstäbe bei den Maturanoten? Und wie sichert die gymnasiale Maturität mit ihren vielfältigen Fachkombinationen die allgemeine Hochschulreife?

  • Für die Schweiz meldet die Studie von Stefan Wolter, dass mehr als 86% der Befragten eine schweizweit einheitliche Abschlussprüfung an den Gymnasien befürworten (zitiert nach NZZ, 2.9.2015).
  • Für Deutschland berichtet die Studien von ifo, dass rund 87% der Befragten deutschlandweit einheitliche Abitur-Prüfungen befürworten (59% sehr dafür, 28% eher dafür).

Matura- und Akademiker/innen-Quoten

Der Anteil von Personen eines Jahrgangs, die eine gymnasiale Matura oder einen Hochschulabschluss erwerben, wird in den so genannten Matura- oder Akademiker/innen-Quoten dargestellt. Die Debatte um die «richtige» Quote wird vor dem Hintergrund der Anforderungen der Wissensgesellschaft, vor der Diskussion um den so genannten Fachkräftemangel und vor der richtigen Position der Berufslehre geführt.

Gemäss der Studie von Stefan Wolter, die auch interessante Verortungen und Kontexte zu den eingeholten Meinungen enthält, schätzen jeweils grosse Mehrheiten die Quoten in der Schweiz als zu hoch oder als gerade richtig ein (zitiert nach NZZ, 2.9.2015):

  • Mehr als 54% der Befragten sind der Meinung, dass zu viele junge Menschen eine gymnasiale Maturität ablegen.
  • Fast 45% sind der Meinung, die Matura-Quote sei gerade richtig.
  • 48% der Befragten halten die Akademiker/innen-Quote für zu hoch.
  • Für mehr als 46% ist die Quote gerade richtig.

Worüber diskutieren?

Die Eckpunkte dieser Diskussion fokussieren – so macht es den Eindruck – auf statistisch messbare Aspekte und lassen einen bildungspolitischen Steuerungsanspruch durchscheinen. Ob die Befürworter der jeweiligen Massnahmen auch den damit verbundenen Regelungs- und Monitoringbedarf gutheissen würden? Auf jeden Fall wäre dem Thema – und den von allfälligen Veränderungen betroffenen Jugendlichen – eine sorgfältige und differenzierte Auseinandersetzung zu wünschen, die auch die Ergebnisse von Meinungsumfragen sachlich einordnet und Bildung als humanes Projekt zu Wort kommen lässt. Vielleicht hat diese Diskussion begonnen; wir können gespannt sein.

P.S. Als interessanten Beitrag zu dieser Debatte hat economiesuisse am 6. Juli 2015 das Dossier «Wie vermeiden wir den «Numerus clausus in der Schweiz?» vorgestellt.

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