Open Circle vom 19. April 2016

MOOCs und die Schweizer Hochschullandschaft 

Die ZHE Zürich-Open Circle-Veranstaltung vom 19. April 2016 widmete sich dem Thema MOOCs. Die Anwesenden diskutierten mit Professorin Bernadette Charlier, Erziehungswissenschafterin an der Universität Freiburg i. Ue., und Professor Antonio Loprieno, Alt-Rektor der Universität Basel über Szenarien und strategische Beurteilungen für die Entwicklung von MOOCs an den Schweizer Hochschulen.

Bernadette Charlier, Professorin für Bildungstechnologie und Erwachsenenbildung sowie Dekanin der Philosophischen Fakultät an der Universität Freiburg i. Ue., präsentierte die Befunde einer Studie, die sie im Auftrag von TA-SWISS durchgeführt und im Herbst 2015 publiziert hatte – wir haben bereits kurz darüber berichtet. Ein Überblick über die bislang an den Schweizer Universitäten – die MOOC-Aktivitäten der Fachhochschulen wurden nicht erhoben – zeigt, dass fast alle Institutionen MOOC-Veranstaltungen anbieten, am meisten die EPFL (mehr als 50) und die Universität Genf (mehr als 20).

B. Charlier weist darauf hin, dass mit MOOCs einige wesentliche Fragen verbunden sind, die je nach Entwicklungsszenario unterschiedlich beantwortet werden (müssen). Nachfolgend ein paar Beispiele:

  • Welches sind für welche Zielsetzungen die je geeigneten Formen der Teilnahme von Lernenden an Lehr-Lern-Prozessen? Welche Formen können im Zusammenhang mit MOOCs realisiert werden und werden auch realisiert?
  • Welche Auswirkungen haben MOOCs auf die Teilnahme verschiedener sozialer Gruppen an den Bildungsprozessen?
  • Wie erfolgt die Qualitätssicherung bei MOOCs?
  • Welche Folgen ergeben sich für die Hochschulen aus den Kooperationen mit den Betreibern der MOOC-Plattformen?
  • Welche Fragen stellen sich betreffend Datenschutz?

Um die Herausforderungen, Chancen und Risiken der weiteren Entwicklung besser abschätzen zu können, präsentiert B. Charlier drei Szenarien und die je unterschiedlichen Aspekte, die sich daraus für die Hochschulen, für die Lernenden und für die Betreiber von MOOC-Plattformen ergeben. Die wesentlichen Unterschiede sind dabei:

  • Für die Hochschulen: Sind die neuen Bildungsformate (MOOCs) in die zertifizierten Studienangebote integrierbar oder nicht?
  • Für die Lernenden: Streben die Lernenden via MOOCs zertifizierte Bildungsqualifikationen an oder dienen ihnen die MOOCs vorwiegend zur Erweiterung des Wissens?

Antonio Loprieno, Alt- Rektor der Universität Basel, Mitglied des Universitätsrats der Universität Zürich und seit Anfang 2016 Präsident der österreichischen Wissenschaftsrats, stellte das Potenzial von MOOCs in den Zusammenhang von strategischen Überlegungen speziell der Hochschulen in der Schweiz. Mit der grösseren Autonomie, welche die Hochschulen in den letzten Jahrzehnten erlangt haben, gehen veränderte Anforderungen an die strategische Steuerung einher: Von den Leitungsgremien (Hochschulräte, Hochschulleitung) wird erwartet, dass sie die Entwicklungen strategisch ausrichten und die einzelnen Aktionsfelder entsprechend begründen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei mit Blick auf die MOOCs dem Marketing und dem Bekanntmachen einer Hochschule als Marke zu («Branding»).

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass sich die Frage nach der strategischen Bedeutung von MOOCs für jede Hochschule anders stellt; für die Hochschullandschaft Schweiz übergreifend kann sie nicht einheitlich beantwortet werden. Mögliche strategische Fragestellungen mit Blick auf MOOCs sind u.a.:

  • In welchem Verhältnis soll eine Hochschule eine regionale Zielgruppe von Lernenden und/oder eine internationale Zielgruppe von Lernenden ansprechen und bedienen?
  • Welche Zielsetzung verfolgt eine Hochschule mit einem MOOCs-Angebot? Eine Marketing-Strategie, eine starke Position in bestimmten Disziplinen und wissenschaftlichen Fragestellungen oder ein Angebot für spezifische Zielräume und Zielgruppen?
  • Welche Realisierungsmodelle sind für eine bestimmte Hochschule pädagogisch sinnvoll, organisatorisch machbar und letztlich auch finanzierbar?
  • Welche Bedeutung hat die Sprache, in welcher MOOCs angeboten werden, insbesondere mit Blick auf Zielgruppen, Zielraum und Branding?

Insgesamt ergab sich aus der Veranstaltung in etwa folgendes Fazit:

  • Die einzelnen Schweizer Hochschulen dürften kurz- und mittelfristig je eigene MOOC-Strategien definieren und umsetzen.
  • Die künftige Positionen der einzelnen Hochschulen im nationalen und internationalen Kontext kann dann mithilfe von MOOC-Angeboten gestärkt werden, wenn das gewählte MOOC-Modell zur Gesamtstrategie der Institution passt.
  • Ungeklärt bleibt zudem die Frage, ob mit Hilfe von MOOCs eine zusätzliche didaktische Qualität in die Lehre eingebracht werden kann. Hierzu wäre weitere Forschung hilfreich und erforderlich.

1 thought on “Open Circle vom 19. April 2016”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.