Open Circle vom 26. Oktober 2017

Internationalisierung der Curricula

Die Internationalisierung der Curricula stand am 26. Oktober 2017 im Zentrum des ZHE Zürich-Open Circle. In einem zweiteiligen Input-Beitrag von Dr. Tanja Reiffenrath konnten die Teilnehmenden erfahren, wie die Universität Göttingen das Thema strategisch und systematisch angeht, welche praktischen Fragen sich dabei stellen und welche guten Beispiele aus einzelnen Fächern zu berichten sind.

In seiner Einleitung näherte sich Thomas Hildbrand dem Thema mit kurzen Seitenblicken auf die unterschiedliche Art und Weise, wie Internationalisierung an Hochschulen gemessen wird. Das  Times Higher Education Ranking etwa zur Internationalität der Hochschulen berücksichtigt 2017 vier Kategorien (Personal, Studierende, Co-Autorschaft und Reputation). Die internationale Zusammensetzung des akademischen Personals und der Studierendenschaft ist ein wichtiges Kriterium, zur Bestimmung von Internationalität im Hochschulbereich.

Gemäss Erhebungen des Bundesamtes für Statistik geben aber lediglich rund 80% der Absolventinnen und Absolventen der Jahre 2004 bis 2014 an, im Verlauf des Studiums im Ausland studiert zu haben. Dieser Anteil ist über die Jahre erstaunlich konstant geblieben. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Erfahrung von Internationalität und Interkulturalität können die Studierenden auch an der eigenen Hochschule im Inland gewinnen (so genannte «Internationalisation at home»)?

Mit dieser Frage setzte sich der Open Circle zentral auseinander. Dr. Tanja Reiffenrath von der Universität Göttingen berichtet eindrücklich von den Überlegungen, dem Vorgehen und den Erfahrungen an ihrer Universität.

«Internationalisation at home»

Mit rund 30% Studierenden, die ein Auslandsemester machen, weist die Universität Göttingen einen auch im Vergleich zu den Schweizer Hochschulen hohen Anteil an Auslanderfahrung bei den Studierenden auf. Dennoch hat die Universität auf Initiative der Vizepräsidentin für Internationales eine hochschulweite Initiative zur Verstärkung der internationalen Dimension in den Curricula gestartet. Mit ein Auslöser dafür waren auch die Rückmeldungen aus dem ausseruniversitären Umfeld, das von den Hochschulabsolventen mehr interkulturelle Kompetenz und internationale Fachkompetenz erwartet. Damit war deutlich geworden, dass internationale Mobilität zwar ein wichtiges Element ist, dass aber auch die Internationalisierung zu Hause wichtig ist und weiterentwickelt werden soll.

Curriculum weit verstanden

Der Göttinger Ansatz geht von einem weiten Verständnis von Curriculum aus. Diese umfasst neben dem Lehrplan im engeren Sinn auch die Lernziele, die Lehr- und Lernformen sowie die Prüfungen, aber auch die Beratung der Studierenden. Selbstverständlich ist immer auch wichtig, dass das Einfordern von Entwicklungen an den Curricula bei den Fakultäten und den einzelnen Professuren nicht als Eingriff in die Lehrfreiheit verstanden wird. Dies erfordert einiges Fingerspitzengefühl betreffend Vorgehen und Kommunikation.

Hilfreich ist auch die Unterscheidung von formellem, informellem und heimlichem Curriculum. Dadurch können verschiedene Aspekte von Lehre und Studium angesprochen werden, die ansonsten eher unbewusst wirken. Gerade für interkulturelle Fragestellungen sind informelle und unausgesprochene Aspekte aber mitunter entscheidend; diese Zusammenhänge sollten den Beteiligten bekannt sein, damit sie bewusst gestaltet werden können.

Internationalisierung als Beifügung, Infusion und Transformation

Konkrete Beispiele können sodann unterschiedlich weit gehen. Wenn vorerst nur wenige Veränderungen möglich sind oder angestrebt werden, kann mit kleinen Schritten, so genannten Add-ons («Beifügungen»), einiges erreicht werden. So können bestehende Wahlmodule unter der Perspektive der Interkulturalität zu einem stimmigen Ganzen verbunden werden oder es kann ein bestehendes Modul, das in Kooperation mit anderen Hochschulen angeboten wird, um eine Projektarbeit in einem internationalen Team in einer virtuellen Lernumgebung erweitert werden.

Eine weitergehende Internationalisierung durchdringt («Infusion») verschiedene Module intensiver und kann schon mal einen ganzen Masterstudiengang betreffen. Unter dem Fokus der europäischen Kultur kann dann den Studierenden beispielsweise ein systematischer Perspektivenwechsel abverlangt werden, indem dem Wesen «des Europäischen» mit einem konstruktivistischen nachgegangen wird. Aber auch der unterschiedliche Blick und Zugang auf biologische Themen und Prozesse, den verschiedene Kulturen haben, kann systematisch in die Lehrveranstaltung eingewoben werden.

In der intensivsten Form («Transformation») hat die Internationalisierung der Curricula dann alle Aspekte des Curriculums neu ausgerichtet, so dass die Studierenden das ganze Studium als systematische Auseinandersetzung mit dem Perspektivenwechsel erleben. In diesem Fall ist das Curriculum in ein internationales Curriculum transformiert worden. Welche Elemente, welche Dimensionen und welche Inhalte dies im konkreten Fall dann sind, muss von der Disziplin und vom Fach her definiert werden.

Curriculum-Entwicklung als Change Prozess

Bei der Definition des Vorgehens liess man sich an der Universität Göttingen vom 3-Phasen-Modell von Kurt Lewin zum Change-Prozess inspirieren.

  • In der ersten Phase (Wandel auslösen) wurde die Leitungsebene für die Thematik gewonnen und die bereits bestehenden Initiativen zur Förderung der Internationalisierung wurden sichtbar gemacht. In zahlreichen Auftaktgesprächen wurden mit den Fachbereichen die Stärken und Schwächen der aktuellen Situation benannt.
  • Im zweiten Schritt (Wandel steuern) wurden die Fachbereiche durch die zentralen Einheiten intensiv bei der Arbeit begleitet. Durch konkrete Fragen konnten inhaltliche Felder benannt werden, die verändert werden konnten. Und durch das Beibringen von gelungenen Beispielen wurden Möglichkeiten aufgezeigt, die für das jeweilige Fach adaptiert werden konnten.
  • Schliesslich konnte in der dritten Phase (Verankerung) das Erarbeitete in den Modulbeschreibungen festgehalten und wo nötig in revidierten Studienordnungen geregelt werden.

Hilfreich für den Veränderungsprozess waren neben einer intensiven und gegenüber den Fachanliegen offenen Dialogbereitschaft auch die Möglichkeiten, gezielt durch zusätzliche Ressourcen Neues zu unterstützen und zusätzliche Aufwände etwas abzufangen. Von entscheidender Bedeutung ist zudem eine grosse Offenheit gegenüber den Besonderheiten der Fachdisziplinen und den in ihnen bereits vorhandenen Aktivitäten zur Förderung von Internationalität und Interkulturalität in Lehre und Studium.

Materialien zum Download und Links

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