Open Circle vom 29. November 2016

Kleine Fächer – (K)ein Thema der Hochschulentwicklung?

Die Veranstaltung vom 29. November 2016 bot etwas mehr als 20 interessierten Hochschulexpertinnen und Hochschulexperten Gelegenheit, sich vertieft mit dem komplexen Gegenstand und seiner Bedeutung für den Hochschulraum Schweiz auseinander zu setzen. Teilweise kontrovers geführte Diskussionen machten deutlich, dass von den Erfahrungen aus Deutschland wichtige Impulse ausgehen können und die Thematik auch in der Schweiz eine vertieftere Bearbeitung verdient.

Die Teilnehmenden am Open Circle waren sich einig: In der Schweiz wird zu wenig systematisch über die kleinen Fächer an den Hochschulen geforscht, nachgedacht und gesprochen. Die Definition dessen, was ein kleines Fach ausmacht, ist vielschichtig und in mancherlei Hinsicht auch nicht auf alle Fachrichtungen gleichermassen anwendbar. Dennoch lässt sich auf Basis von systematischen Beschreibungen und von analytischer Beobachtung besser über Fragen, Herausforderungen und Leistungen von kleinen Fächern diskutieren.

Erfahrungen aus Deutschland

An der Veranstaltung gewährte Dr. Katharina Bahlmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Kleine Fächer, die vom Deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF finanziert wird und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angesiedelt ist, Einblick in die komplexe Arbeit der Kartierung kleiner Fächer. Als Nachfolgeinstitution der gleichnamigen Stelle an der Universität Potsdam, die von 2007 bis 2011 Grundlagenarbeit leistete, führt die Mainzer Gruppe die systematische Erfassung der Situation der kleinen Fächer an deutschen Universität weiter. Dadurch werden Entwicklungen des Abbaus, der Konzentration oder auch des Ausbaus sichtbar, die ohne diese akribische Analyse nicht fassbar würden. Und aus einigen deutschen Bundesländern ist bekannt, dass sie diese Erkenntnisse durchaus in ihre Überlegungen zur Entwicklung ihrer Hochschulen einfliessen lassen.
In ihrer neuesten Studie untersucht die Arbeitsstelle die Aspekte Internationalisierung und Forschung der kleinen Fächer. Die Teilnehmenden des Open Circle erhielten einen exklusiven Einblick in die Ergebnisse dieser Studie, die demnächst veröffentlicht wird. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass kleine Fächer international gut positioniert und vernetzt sind und dabei insbesondere auch die wissenschaftlichen Mitarbeitenden eine wichtige Rolle spielen.
Für die kommenden Jahre ist geplant, die der Beobachtung der kleinen Fächer zugrunde gelegten Kriterien weiterzuentwickeln. Während die Kriterien zur Abgrenzung von (mittel-)großen Fächern beibehalten werden sollen, d.h.

  • mehr als 3 Professuren nur an weniger als zwei Standortuniversitäten oder an höchstens 10% der deutschen Universität vertreten

sollen für die Abgrenzung von nicht selbständigen Teilbereichen zusätzliche Aspekte stärker fokussiert werden, wie etwa

  • Charakteristiken bezogen auf das Selbstverständnis, Fachgesellschaften und Fachzeitschriften (Wissenschaftssystem)
  • Institutionalisierung, Denominationen der Professuren, Studiengänge und Abschlüsse (Hochschulsystem)

Analytisch, methodisch und konzeptionell geht sie damit über die bisherige Arbeit in Potsdam hinaus und die dabei erarbeiteten Ergebnisse können mit Spannung erwartet werden (ca. 2019).

Entwicklungsthemen für die Schweiz

Aus der Perspektive eines an einer Schweizer Universität verankerten Faches (Sinologie) präsentierte Prof. Dr. Wolfgang Behr vom Asien-Orient-Institut der Universität Zürich Überlegungen zum Thema. Ausgehend von den 119 für Deutschland erfassten kleinen Fächer, von denen rund ein Drittel in der Schweiz nicht vorhanden sind und auch umgekehrt zahlreiche Fächer von Schweizer Universitäten in Deutschland fehlen, wies er auf definitorische Fragen und spezifische Lebenswirklichkeiten kleiner Fächer hin (z.B. auf das teilweise stark fluktuierende Interesse bei den Studierenden oder spezifische Aspekte des Sprachenauftrags in der mehrsprachigen Schweiz).

Als anregend und wichtig bezeichnete Professor Behr namentlich drei Strategien, mit denen die kleinen Fächer unterstützt, gefördert und gezielt weiterentwickelt werden können.

  1. Bei der Forschungsförderung sollten die Rahmenbedingungen so ausgestaltet werden, dass die Kleinen Fächer auch in den Genuss der Forschungsgelder kommen können. Dies ist teilweise erschwert, da Ressourcen zur Mitwirkung an den grossen Förderprogrammen fehlen oder diese zu wenig auf die Fragestellungen kleiner Fächer zugeschnitten sind. Bei der Wiederbesetzung von Professuren kleiner Fächer gilt es zu beachten, dass teilweise ungünstige Gremienkonstellationen bestehen können.
  2. Bei der Bereitstellung und Organisation der Studiengänge sollte Lösungen in Verbünden und in Kooperationen hohe Beachtung geschenkt werden, da solche nachhaltig angeboten werden können und auch eine gewisse fachliche Breite bieten. Die hierbei von den Studierenden geforderte Bereitschaft zur Mobilität ist nicht nur tragbar, sondern auch Horizont erweiternd.
  3. Schliesslich ist auch die Konzentration von kleinen Fächern an einzelnen Standorten sinnvoll, da sich auf solcher Basis beispielsweise gut profilierte Angebote auf Masterstufe gestalten lassen.

Abschliessend plädierte der Referent für ein strategisches Nachdenken über die Situation und die Entwicklungsperspektiven der Kleinen Fächer und eine gute Portion Wohlwollen von Seiten der grossen Fächer. Der grosse Wert den kleine Fächer für die Vielfalt des Wissenschaftssystems haben wird insbesondere auch in deren grossem Beitrag zu einer internationalen Perspektive deutlich.

Materialien zum Download und Links

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